Des Königs Licht

Bei zwei Herstellern, deren Kerzen ich in großer Auswahl in meinem Laden in der Knaackstraße 26 und im Online Shop anbiete, reichen die Traditionslinien bis zur jeweiligen Firmengründung im 16. Jahrhundert zurück: Die Klosterapotheke Santa Maria Novella wurde 1612 in der Urkunde von Florenz erwähnt, Cire Trudon 1643 in Paris gegründet und wenig später zum Kerzenlieferanten des französischen Königshauses ernannt. Damals nicht nur des Königs wegen eine wichtige Sache - bis zur Erfindung von Gaslaterne und später dann Elektrifizierung gab es ja keine anderen Lichtquellen im Haus.

Ciretrudon-candle.jpg

In den Wochen der Dunkelheit gehören Kerzen ins Bild des Lebens und vermitteln selbst draußen noch Gemütlichkeit (und das selbst dann, wenn es sich um Imitationen von Kerzen, um Baumschmuck und Ketten aus Leuchtdioden handelt.) Kerzenlicht zur Dämmerung macht Appetit auf Tee und Nüsse, auf ein frühes Glas Wein. Das wärmende Leuchten scheint weicher als elektrisches Licht - in seinem Lob des Schattens betrauert der japanische Schriftsteller Tanizaki Jun'ichiro den Untergang einer ganzen Epoche, ja, er kann sogar erklären, daß die japanische Weise ein Haus einzurichten sich nur beim Licht von Kerzen verstehen läßt. Weil die vermeintliche Kargheit, die lange als Minimalismus oder grob Zen mißdeutet wurde, in Wahrheit als eine Einrichtung aus Licht und Schatten gemeint gewesen war. Krass erscheint uns seine Erinnerung an ein Japan vor der Elektrifizierung, als es noch der Mode entsprach, daß Frauen sich die Zähne schwarz färbten und die Augenbrauen komplett abnehmen ließen, um ihr lachendes Gesicht bei Kerzenlicht so weiß wie nur möglich erscheinen zu lassen. Heute genießen wir Elektrifizierten gerade einen gegensätzlichen Effekt: Eine Beleuchtung mit Kerzen schmeichelt unserer Haut, es bringt unsere Augen zum Schimmern, es läßt uns weich erscheinen, sanft und - das finden wir mittlerweile schön.

Duftkerzen gibt es mittlerweile an jeder Ecke, sogar an der Tankstelle oder bei Ikea, weil heute ja alles irgendwie duften soll - finde ich auch, allerdings interessiert mich dann vor allem die Qualität. Licht und Schatten sind das eine, aber die Qualität des Wachses entscheidet letztendlich nicht bloß über die Schönheit des Scheinens einer Kerze - billige Kerzen werden aus Paraffin hergestellt und dünsten, sind sie erst angezündet, gesundheitsschädliche Molekülverbindungen aus. Aber nicht bloß das Paraffin wirkt schädlich: billige Duftkerzen enthalten synthetische Duftstoffe und wer atmet die schon gern ein?

Die Duftkerzen von Cire Trudon sind aus einer hochwertigem Bienenwachsmischung hergestellt, die, toxikologisch unbedenklich, eine feine Verteilung der Dämpfe aus echten Parfumölen im Raum besorgt. Ich empfehle, eine Duftkerze nicht länger als eine halbe Stunde brennen zu lassen, ansonsten wirkt der Raum übersättigt und die Intensität der Duftwahrnehmung läßt nicht nur nach - man scheint ihn überhaupt nicht mehr wahrzunehmen, ist gewissermaßen an seine Gegenwart wie an ein Möbelstück gewohnt (oder abgestumpft, denn, wie Peter Sloterdijk schreibt, kaufen wir Möbel vor allem, um sie vergessen zu können.)

Wichtig bei Kerzen generell ist ein Aufstellungsort frei von Zugluft. Die Kerzen von Cire Trudon sind in wunderschöne handbeschliffne Gläser aus einer Manufaktur im italienischen Vinci gegossen und dennoch: Der hohe Rand des Glases kann keinen vollkommenen Schutz vor der schädlichen Zugluft bieten - dann blakt die Kerze, scheidet Ruß aus und baut im schlechtesten Fall das Wachs nicht gleichmäßig ab. Nach dem Löschen der Kerze (pustenderweise oder mit Hilfe einer Kappe) das den Docht umfließende Wachs kurze Zeit zu einer zäheren Konsistenz abkühlen lassen und damit dann den erkalteten Docht etwas eincremen. Beim nächsten Anzünden dann kurz prüfen, ob der Docht etwa zu lang erscheint. Im Zweifelsfall lieber mit einer guten Schere kürzen. Je dünner und kürzer ihr Docht, desto hübscher verbreitet das Wachs einer Kerze sein Licht.

Zur Beleuchtung empfehle ich generell Kerzen aus reinem Bienenwachs, deren angenehmer Duft sich übrigens harmonisch mit dem guter Duftkerzen verträgt. In unserem Geschäft in Berlin bieten wir zu jeder Jahreszeit Teelichter und schlanke Tafelkerzen von den Werkstätten Sankt Christoph am Bodensee an. Dort werden die Kerzen noch von Hand gezogen - wie einst im 16. Jahrhundert.