Interview mit Nicholas Chabot

"Der Geruch einer Zeit"

Ein Gespräch zwischen Melanie Dal Canton und Nicholas Chabot

Die Geschichte des Parfümhauses Le Galion beginnt in den 30er Jahren mit einer Reihe weltbekannter Düfte aus feinsten natürlichen Rohstoffen. In den 80er Jahren wird die Firma aufgekauft und gerät in Vergessenheit. 2014 wird das traditionsreiche Haus auf Initiative des Parfümeurs Nicolas Chabot wieder zum Leben erweckt. Die außergewöhnlichen Düfte, die für eine bestimmte Zeit stehen, werden neu herausgebracht.

Nicholas Chabot

Nicolas, wie bist du auf Le Galion gestoßen?

Vor ein paar Jahren gab es tatsächlich einen entscheidenden Moment. Einer meiner Kunden sagte mir: Du machst so wundervolle Parfums, warum hast du eigentlich kein eigenes Label? Das hat mich inspiriert. Am Tag darauf, ich weiß noch genau, es war Ende August, stieß ich in einem Trödelladen zufällig auf einen Flacon von Le Galion.

Kannst du dich noch erinnern,
welches Parfum das war?

Ja. Es war der berühmte Duft "Sortilège". Als ich den Flacon zum ersten Mal sah, dachte ich, "wow, was ist das?" Ich hatte noch nie von dieser Marke gehört. Ich begann zu recherchieren und erkannte gleich, dass eine reiche und lange Geschichte hinter dem Hause steht. Erst viel später wurde mir klar, dass ich Le Galion bereits von meinen Großeltern und Eltern kannte. Ich stamme aus einer Familie mit einer langen Tradition der Parfumherstellung. Ich bin von klein auf mit Düften aufgewachsen – schon meine Spielzeugautos waren kleine Flacons...

Wie alt warst du als du dich entschieden hast, Parfümeur zu werden? In Deutschland sind Duftdesigner wie Geza Schön eine absolute Ausnahme. Insgesamt gibt es nur rund 40 ausgebildete Parfümeure in unserem Land. In Frankreich steht der Beruf in einer ganz anderen Tradition ...

Das stimmt, ich komme wirklich aus dem Land der Düfte. Mein ganzes Leben, das Leben meiner Familie hat sich um Düfte gedreht. Doch meine Eltern waren zunächst dagegen, dass ich diesselbe Laufbahn einschlage wie sie. Es hieß immer, ich solle Rechtsanwalt werden, oder einen anderen Beruf ergreifen, aber bloß kein Parfümeur werden... Ich wollte Pilot werden, aber dann bekam ich Problem mit den Augen und konnte mich nicht für diesen Beruf qualifizieren. Schon mit 18, 20 Jahren war mir dann klar, dass ich Parfümeur werden wollte.

Erzähl uns ein bißchen von der Geschichte des Labels? Was passierte nach dem Verkauf der Firma in den 80er Jahren?

Der Gründer von Le Galion, Paul Vacher, ist 1975 recht plötzlich verstorben. 1985 wurde die Firma dann von einem amerikanischen Konzern aufgekauft. Die Unternehmensführung war jedoch schlecht und die Marke verlor bald ihre Identität als das Aushängeschild einer der edelsten Parfümhäuser Frankreichs. Das passiert ja sehr oft mit renommierten Labels, wie beispielsweise mit Dior, wenn sie plötzlich unter neuer Führung global vermarktet werden sollen.

Haben Sie Familienmitglieder von Paul Vacher getroffen? Gab es nach seinem Tod 1975 keinen Nachfolger?

Sortilege von Le Galion

Als ich mich entschloss, die Marke wiederzubeleben, hatte ich nicht die geringste Ahnung. Ich begann, die Archive zu durchstöbern und alle Parfums zu kaufen, die ich auf Antikmärkten oder im Internet finden konnte. Ich wusste also bereits eine Menge über die Firma, aber trotzdem reichte das nicht. Plötzlich stieß ich auf die Information, dass Vacher eine Tochter hatte, mit der er über 15 Jahre zusammen gearbeitet hatte. Nach seinem Tod wurde sie die "Nase" von Le Galion und kreierte 1978 das Parfum "Mégara" als Hommage an ihren Vater. Ich fragte mich, ob Vachers Tochter noch am Leben war. In der Osmotèque, einem der weltweit größten Duftarchive in Versaille bei Paris, wurde ich fündig. Ich hatte ein aufschlussreiches Gespräch mit dem Gründer des Archivs Jean Kérleo, der selbst ein renommierter Parfümeur (Jean Patou, Lacoste) ist. Er erinnerte sich an Vachers Tochter Dominique und gab mir den Hinweis, dass sie mit Nachnamen de Urresti hieße und wahrscheinlich im Süden Frankreichs oder ausserhalb von Paris lebe.

Das ist ja aufregend!

Ja, ich musste ein bisschen Detektiv spielen. Aber da der Name recht ungewöhnlich ist, fand ich ihn gleich im Telefonbuch. Ich rief Dominique de Urresti an und erzählte ihr, dass ich die Marke Le Galion und das Erbe ihres Vaters wiederbeleben wolle und ob sie mir nicht dabei helfen wolle. Sie war mehr als erfreut über diese Nachricht. Und so begann unsere Zusammenarbeit. Schließlich übergab sie mir sie mir alle Formeln der Le-Galion-Parfüms.

Das heisst, die Originalformeln waren nach wie vor im Besitz von Dominique de Urresti?

Ja, sie hatte alle auf ihrem Computer! Die Amerikaner hatten die Firma zwar damals gekauft, aber die Formeln waren nach wie vor in ihrem Eigentum geblieben. Wir hatten also ein riesiges Glück und konnten gleich beginnen, an der Wiederherstellung der Düfte zu arbeiten. Natürlich mussten wir diese an die aktuellen Auflagen der IFRA (International Fragrance Association) anpassen. Einige Düfte enthielten allergene Stoffe, wie Eichenmoos oder Zypresse für die wir einen Ersatz finden mussten. Aber am Wichtigsten war es mir, dass diese mit dem gleichen Sorgfalt und mit dem gleichen Fachwissen hergestellt werden würden wie damals. Mit Dominique besuchte ich unsere Labors in Grasse und sie versicherte mir, dass sich am Herstellungsprozess nichts geändert hatte.

222 von Le Galion

Das hört sich ja fantastisch an. Wie wenn ein Archäologe ein Skelett findet und auf dieser Vorlage dann einen tatsächlichen Dinosaurier rekonstruiert ...

(Lacht) Ja. Ich bin selbst immer wieder fasziniert von diesem Prozess. Es gibt ja viele Firmen, die historische Produkte relaunchen, aber meistens haben diese außer der Verpackung nicht viel mit dem Original zu tun. In unserem Falle ist das ganz anders. Ich habe die Marke Schritt für Schritt aufgebaut. Und es ist mir ganz wichtig hervorzuheben, dass ich einen Duft wieder zum Leben zu erwecke, der tatsächlich so in der Vergangenheit existiert hat.

Für meine persönliche Nase ist 222 einer der beeindruckensten Düfte. Ich mag "Tubérose" und "Snob" sehr gerne, doch 222 wirkt auf eine ganz besondere Weise zeitgenössisch und modern.

Eines Tages kam Dominique von einer ihrer nachmittäglichen Tee-Zeremonien zurück und brachte zu meiner Überraschung eine kleine Schachtel mit. Sie sagte, sie sei für mich und stamme von ihrem Vater. In der Schachtel befanden sich zehn Flacons, die ursprünglich Prinz Murat gehört hatten, der Le Galion 1930 begründete, bevor das Haus 1935 von Vacher übernommen wurde. Wir machten eine Analyse der Parfums und konnten so alle Ingredenzien bestimmen. "222" stammt aus dieser zehnteiligen Reihe. Wir enthüllten sozusagen das Geheimnis eines Dufts, der sich über 70 Jahre in dieser kleinen Schachtel befunden hatte! Es ist tatsächlich so wie Du sagst, in den Dreißiger Jahren wurden Parfums gemacht, die uns auch heute noch sehr modern vorkommen. Die Geschichte ist wie ein Kreis, all diese Dinge und Düfte kommen wieder zurück...

Absolut! Diesselbe Erfahrung habe ich auch mit "Tubéreuse" gemacht. Ich erlebe immer wieder wie junge Kunden in unseren Laden kommen und diesen Duft fantastisch finden. Sie haben aber noch nie von der Marke gehört, kennen weder ihre Kulturgeschichte noch Tradition. Das ist großartig und spricht für das Parfum an sich.

Was ich besonders an unserem Produkten liebe ist, dass man tatsächlich die Zeit riechen kann, aus der sie kommen. "Eau Noble" ist ein Duft, der eindeutig aus den siebziger Jahren stammt und "Whip" riecht nach den fünfziger Jahren. Wenn man sich auf die sinnliche Wahrnehmung einlässt, spürt man tatsächlich, dass hinter jedem dieser Düfte eine ganz bestimmte Zeit steht.

Entsprechen die Produkte, die jetzt auf dem Markt sind, der vollen Bandbreite der Möglichkeiten oder werden wir uns in Zukunft noch auf weitere Parfums von Le Galion freuen können?

Das Kernsortiment bestand ursprünglich aus insgesamt 24 Parfums. Wir haben weitere zehn Kreationen aus der Zeit von Prinz Murat und weitere sechs bis sieben, die nie herausgekommen sind. Unser Archiv besteht also insgesamt aus über 44 Formeln. Nun kommt es ganz darauf an, was wir damit anstellen wollen.

Könntest Du dir vorstellen, auch eigene, neue Parfums unter dem Label Le Galion herauszubringen?

Ich denke immer wieder darüber nach, bin mir aber nicht ganz sicher. Ich will die Botschaft der Marke nicht gleich verwässern, denn unser zentrales Konzept besteht darin, die originalen Le-Galion-Düfte wieder herzustellen. Andererseits möchte ich nicht ausschließen, dass wir in der Zukunft eine eigene Kreation oder Adaption herausbringen.

In der Mode gibt es ja ein ähnliches Lazarus-Phänomen. In regelmässigen Abständen werden hier tote Marken wiederbelebt. Man denke nur an Dior oder Chanel ...

Wenn überhaupt, kann ich mir das nur in Zusammenarbeit mit einem wirklich großartigen Parfümeur vorstellen ...

zu den Düften bei uns im Onlineshop

Fotos: Le Galion / Nicholas Chabot | Interview: MDC